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Wölfe in der Schweiz: Was gerade geschieht – und was wir oft falsch glauben
Wer die Diskussion rund um den Wolf in der Schweiz verfolgt, merkt schnell: Es geht längst nicht nur um Fakten. Es geht um Emotionen, Interessen, Bilder im Kopf und um die Frage, wem Natur eigentlich gehört. Dabei wäre gerade jetzt etwas anderes wichtig: ein ruhiger, ehrlicher und genauer Blick auf das, was tatsächlich geschieht.
Dieser Beitrag will weder Angst schüren noch Fronten verhärten. Er will einordnen. Er will informieren. Und er will dazu anregen, den Wolf in der Schweiz nicht nur als Schlagzeile, sondern als Teil eines grösseren Ganzen zu sehen.
Was sich aktuell in der Schweiz abspielt
Der Wolf lebt heute wieder in grossen Teilen des Schweizer Alpenraums. KORA hält fest, dass im Monitoringjahr 2025/26 die Präsenz von 43 Rudeln bestätigt wurde – zwei mehr als im Vorjahr. Davon lebten 32 Rudel vollständig in der Schweiz, 11 grenzüberschreitend. Drei Rudel gelten im Verlauf des Jahres bereits als aufgelöst. Insgesamt wurden bisher 153 Welpen beobachtet.
Gleichzeitig ist die Regulierung des Wolfs in der Schweiz längst keine Randnotiz mehr. Seit Inkrafttreten des revidierten Jagdgesetzes am 1. Februar 2025 können Wölfe unter bestimmten Voraussetzungen reaktiv (1. Juni bis 31. August) und proaktiv (1. September bis 31. Januar) reguliert werden. Die Kantone müssen dafür vorgängig die Zustimmung des BAFU einholen.
Die Zahlen sind eindrücklich: In der zweiten Regulierungsperiode (September 2024 bis Januar 2025) hat das BAFU dem Abschuss von rund 125 Wölfen zugestimmt. Die Kantone haben 92 Wölfe präventiv abgeschossen – fast ausschliesslich bevor überhaupt Schäden eingetreten waren. Bei einem Grossteil handelte es sich um Welpen. Im Vorjahr (2023/24) waren es 55 erlegte Tiere. Die Schweiz betreibt damit eine der intensivsten Wolfsregulierungen in Europa.
Das BAFU selbst hält in seinem Analysebericht von Mai 2025 fest, dass sich weder die längerfristige Bestandsentwicklung noch die Auswirkungen der Regulierung auf das Verhalten der Wölfe nach zwei Perioden beurteilen lassen. KORA führt eigens ein Forschungsprojekt zu den Auswirkungen des letalen Managements 2025–2029. Die Schweiz fährt also ein laufendes Experiment – mit offenem Ausgang.
Wie das Leben eines Wolfs in der Schweiz wirklich aussieht
Der Wolf lebt hier nicht in einer unberührten Wildnis. Er lebt in einer Landschaft, die stark vom Menschen genutzt wird: Alpen, Voralpen, Jura, Weidegebiete, Verkehrsachsen, Tourismusraum, Landwirtschaft. KORA beschreibt, dass gesicherte Wolfsnachweise inzwischen aus sämtlichen Kantonen vorliegen und dass die Art seit den 1990er-Jahren auf natürlichem Weg aus Italien und Frankreich zurückgekehrt ist. Das erste Rudel bildete sich 2012 im Calandagebiet in Graubünden.
Gleichzeitig ist der Wolf in der Schweiz selbst erheblichen Gefahren ausgesetzt. KORA schreibt ausdrücklich, dass die meisten Wölfe in der Schweiz durch Menschenhand sterben. Die häufigste bekannte Todesursache ist der bewilligte Abschuss; weitere wichtige Ursachen sind Verkehr und illegale Abschüsse. Im BAFU-Bericht zu den Regulierungen wurde zudem dokumentiert, dass bei den Abschüssen auch drei Luchse und ein Herdenschutzhund versehentlich getötet wurden.
Wie gefährlich ist der Wolf für Menschen wirklich?
Rund um den Wolf kursieren viele Bilder, die tief sitzen. Doch offizielle und fachliche Quellen zeichnen ein deutlich nüchterneres Bild.
KORA hält fest, dass seit der natürlichen Rückkehr des Wolfs in die Schweiz im Jahr 1995 kein Fall eines aufdringlichen oder aggressiven Wolfs bekannt geworden ist. Problematisches Verhalten wird vor allem dann relevant, wenn ein Wolf die Scheu vor Menschen verliert – etwa durch Anfüttern – oder wenn er provoziert beziehungsweise in die Enge getrieben wird. Auch das BAFU unterscheidet im Konzept Wolf Schweiz vier Verhaltenskategorien: von «unbedenklich» über «auffällig» und «unerwünscht» bis hin zu «problematisch». Von einem gesunden wildlebenden Wolf geht für Menschen in der Regel keine Gefahr aus. Absolute Sicherheit gibt es bei Wildtieren jedoch nie – besonders dann nicht, wenn ein Tier die Scheu vor Menschen verliert, angefüttert wird, provoziert oder in die Enge getrieben wird.
Auch internationale Auswertungen stützen die Einordnung, dass Wolfsangriffe in Europa und Nordamerika sehr selten sind und dass problematische Fälle häufig mit Habituierung zusammenhängen – also mit einer Gewöhnung an Menschen oder menschliche Nahrungsquellen.
Ein aktueller Vorfall in Hamburg Ende März 2026 zeigt jedoch, dass in seltenen Ausnahmesituationen Verletzungen von Menschen trotzdem vorkommen können. Laut Behörden wurde dort eine Frau in einer Einkaufspassage von einem Wolf verletzt. Nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz war dies der erste solche Fall in Deutschland seit der Rückkehr beziehungsweise Etablierung des Wolfs. Wie genau die Verletzung zustande kam, war in den ersten öffentlich zugänglichen Berichten noch nicht in allen Details abschliessend geklärt.
Das bedeutet nicht, dass man Wölfe romantisieren sollte. Ein Wolf ist ein Wildtier. Distanz, Respekt und korrektes Verhalten bleiben wichtig. Aber es bedeutet sehr wohl, dass die oft vermittelte Vorstellung einer grossen unmittelbaren Bedrohung für Menschen so pauschal nicht haltbar ist.
Was Hundehalterinnen und Hundehalter wissen sollten
Für alle, die mit Hund in der Natur unterwegs sind – und das betrifft die Smoffy-Community ganz direkt – stellt sich eine konkrete Frage: Was bedeutet die Rückkehr des Wolfs für den Alltag mit Hund?
Die wichtigste Nachricht vorweg: Wolfsbegegnungen beim Spazierengehen sind äusserst selten. Wölfe sind scheue Tiere und meiden in der Regel die Nähe von Menschen – ob mit oder ohne Hund. Die Wahrscheinlichkeit, auf einer Wanderung einem Herdenschutzhund zu begegnen, ist um ein Vielfaches grösser als die Begegnung mit einem Wolf.
Trotzdem gibt es einen wichtigen Unterschied: Wölfe können freilaufende Hunde als Eindringlinge in ihr Revier oder sogar als potenzielle Beutetiere wahrnehmen. Der Kanton Graubünden hält in seinem Merkblatt zum Wolf ausdrücklich fest, dass Hunde in Wolfsgebieten unter persönlicher Kontrolle gehalten oder angeleint werden sollen. CHWOLF empfiehlt dasselbe.
Das Risiko für Hunde bleibt insgesamt gering. Aber gerade als verantwortungsvolle Hundehalterin oder -halter lohnt es sich, informiert zu sein – nicht aus Angst, sondern aus Respekt. Wer die Regeln kennt, schützt den eigenen Hund und trägt gleichzeitig dazu bei, dass Wolf und Mensch sich nicht unnötig in die Quere kommen.
Die eigentliche Konfliktlinie: nicht Mensch gegen Wolf, sondern Umgang mit Nutztieren
Der eigentliche Kern der Debatte liegt nicht in einer grossen Gefahr für Spaziergängerinnen und Spaziergänger. Der Hauptkonflikt liegt bei Nutztieren, Weidewirtschaft, Alpen und Herdenschutz.
KORA stellt klar: Der allergrösste Anteil der von Wölfen getöteten Nutztiere betrifft Schafe. Grössere Tiere wie Rinder oder Pferde werden nur sehr selten gerissen. Und: Die allermeisten Nutztiere werden in ungeschützten Situationen getötet.
Dabei liefern die Zahlen einen wichtigen Kontext, der in der Debatte fast nie vorkommt: Laut einer NZZ-Analyse auf Basis von KORA-Daten verursachen Grossraubtiere nur rund 6 Prozent aller Todesfälle bei Schafen während des Alpsommers. Krankheiten, Abstürze, Steinschlag und Blitzschlag sind die weitaus häufigeren Todesursachen. Das relativiert nichts – jeder einzelne Riss ist ein realer Verlust. Aber es zeigt, wie schief die öffentliche Wahrnehmung oft ist.
Das BAFU formuliert es ebenfalls klar: Herdenschutz spielt eine zentrale Rolle, damit Schäden und Konflikte möglichst verhindert werden. Gleichzeitig gehört die vorgängige Umsetzung wirksamer Herdenschutzmassnahmen zu den Voraussetzungen für ein Eingreifen in die Wolfspopulation. Genannt werden ausdrücklich Herdenschutzzäune und anerkannte Herdenschutzhunde.
Was Herdenschutz kostet – und warum das wichtig ist
Oft wird über den Wolf diskutiert, ohne konkret über Schutzmassnahmen zu sprechen. Dabei gibt es dafür in der Schweiz klare Strukturen und substanzielle Finanzmittel.
Im ordentlichen Bundeskredit «Wildtiere und Jagd» sind ab 2025 jährlich CHF 7 Millionen für Herdenschutz eingestellt – nach einem Zusatzkredit von CHF 5,7 Mio. im Jahr 2022 und Ausgaben von CHF 7 Mio. im Jahr 2023. Konkret werden Beiträge für Zaunverstärkungen (CHF 1.50 pro Laufmeter), Elektrozaungeräte (CHF 600 pauschal), mobile Unterkünfte, Materialflüge und anerkannte Herdenschutzhunde gewährt. Der Kanton Wallis allein investiert 2026 über CHF 1,8 Millionen in Herdenschutzmassnahmen – ergänzt durch Bundesmittel.
Und die Wirkung zeigt sich: Im Wallis sank die Zahl der Wolfsangriffe 2025 auf 81 (Vorjahr: 112). Der Kanton selbst bestätigt, dass der Rückgang die Wirksamkeit der Schutzmassnahmen belegt. Eine KORA/Agridea-Studie bestätigt, dass bei gut bewachten Herden Risse deutlich seltener vorkommen – auch wenn sie nie vollständig verhindert werden können.
Das heisst nicht, dass damit jedes Problem gelöst ist. Es heisst aber sehr wohl: Die Debatte darf nicht so geführt werden, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten – entweder Abschuss oder Hilflosigkeit. Diese Gegenüberstellung ist zu einfach.
Worüber kaum gesprochen wird: die ökologische Rolle des Wolfs
Während sich die Debatte fast ausschliesslich um Schäden und Risiken dreht, bleibt eine zentrale Dimension fast unbeachtet: der Wolf als ökologischer Faktor.
Der Wolf steht an der Spitze der Nahrungskette und beeinflusst die Bestände und das Verhalten wildlebender Huftiere – Rehe, Hirsche, Gämsen. Das hat direkte Auswirkungen auf den Wald: Durch die blosse Anwesenheit des Wolfs werden Wild-Populationen mobiler, verweilen kürzer an einzelnen Fressplätzen und reduzieren so den Verbissdruck auf junge Bäume. CHWOLF beschreibt, dass dadurch Schutzwälder sich besser verjüngen können – was wiederum Erosion, Lawinen und Hochwasser verringert.
Ein konkretes Schweizer Beispiel: In der Calanda-Region, wo sich 2012 das erste Rudel ansiedelte, ist der Verbiss an wichtigen Baumarten wie Weisstanne, Ahorn und Vogelbeere im Kerngebiet des Rudels deutlich zurückgegangen. Das ist kein Zufall – die Waldforschung beschreibt diesen Effekt als Kaskadenwirkung von Wölfen über Huftiere auf die Waldverjüngung.
Gleichzeitig warnt die Forschung vor zu einfachen Gleichungen: Eine europäische Studie (Universität Freiburg, 2023, Journal of Applied Ecology) zeigt, dass in Kulturlandschaften wie der Schweiz menschliche Jagd und Landnutzung die Wildbestände deutlich stärker beeinflussen als Grossraubtiere. Der Wolf allein «rettet den Wald» also nicht – aber er ist ein relevanter, natürlicher Faktor im System.
Mythen rund um den Wolf
KORA sagt etwas anderes: Seit 1995 ist in der Schweiz kein Fall eines aufdringlichen oder aggressiven Wolfs bekannt geworden. Problematisch werden vor allem habituierte Tiere oder provozierte Situationen. Das BAFU stuft das Risiko für gesunde, wildlebende Wölfe als sehr gering ein.
Das BAFU nennt Herdenschutz eine zentrale Massnahme zur Verhinderung von Schäden und Konflikten. Im Wallis sank die Zahl der Wolfsangriffe 2025 um rund 28 Prozent – der Kanton bestätigt die Wirksamkeit der Massnahmen. Wenn Herdenschutz offiziell Voraussetzung für Eingriffe ist, kann man kaum gleichzeitig behaupten, er sei grundsätzlich bedeutungslos.
KORA beschreibt die Rückkehr des Wolfs als natürliche Wiederbesiedlung aus Italien und Frankreich – nicht als aktive Ansiedlung. Der Wolf ist kein künstlich eingesetztes Fantasietier, sondern Teil der heimischen Fauna. Das BAFU selbst hält fest: Die Schweiz betreibt keine aktive Förderung der Ansiedlung des Wolfes.
In zwei Regulierungsperioden wurden über 145 Wölfe erlegt – und der Bestand wächst weiter, nur langsamer. Das BAFU selbst sagt: Die längerfristigen Auswirkungen lassen sich nach zwei Perioden noch nicht beurteilen. KORA führt ein eigenes Forschungsprojekt zu den Folgen. Die Gleichung «mehr Abschuss = weniger Probleme» ist wissenschaftlich nicht belegt.
Auch das ist ein falscher Gegensatz. Nutztiere verdienen Schutz. Wildtiere haben ebenfalls ein Existenzrecht. Eine ernsthafte Debatte muss beides aushalten – und beides gleichzeitig ernst nehmen.
Laut KORA-Daten und NZZ-Auswertung verursachen Grossraubtiere nur rund 6 Prozent aller Todesfälle bei Schafen während des Alpsommers. Krankheiten, Abstürze, Steinschlag und Blitzschlag sind die weitaus häufigeren Ursachen. Der Wolf ist ein Faktor – aber bei weitem nicht der dominierende.
Warum dieses Thema mehr Ehrlichkeit braucht
Vielleicht ist genau das das Schwierigste am Wolf: Er zwingt uns dazu, Widersprüche auszuhalten.
- Wir wollen Natur – aber kontrolliert.
- Wir wollen Artenvielfalt – aber bitte nicht, wenn sie unbequem wird.
- Wir wollen Wildnis – solange sie uns nicht herausfordert.
Der Wolf macht sichtbar, dass Natur nicht nur Kulisse ist. Er erinnert daran, dass nicht alles dem Menschen untergeordnet ist. Und vielleicht löst gerade das so viel Widerstand aus.
Das heisst nicht, dass Sorgen von Hirten, Landwirtinnen oder Tierhaltern kleinzureden sind. Im Gegenteil. Wer Tiere hält, trägt Verantwortung. Wer schützt, braucht Unterstützung. Wer betroffen ist, verdient ernst genommen zu werden.
Aber ernst nehmen bedeutet nicht automatisch, jede Regulierung für selbstverständlich oder jede Tötung für normal zu erklären.
Was ein fairer Umgang mit dem Wolf bedeuten würde
Ein fairer Umgang mit dem Wolf in der Schweiz müsste mehrere Dinge gleichzeitig zulassen:
- Er müsste anerkennen, dass Nutztierschutz real wichtig ist.
- Er müsste akzeptieren, dass der Wolf ein Wildtier mit natürlichem Verhalten ist – kein «Fehler im System».
- Er müsste Herdenschutz konsequent fördern, statt ihn nur thetorisch zu erwähnen.
- Er müsste auch die ökologische Funktion des Wolfs anerkennen – für Wald, Wildtiere und Biodiversität.
- Er müsste Informationen offen und sauber zugänglich machen.
- Und er müsste unterscheiden zwischen Fakten, Ängsten, Interessen und politischen Bewertungen.
Vor allem aber müsste er aufhören, so zu tun, als gehöre diese Welt nur uns.
Mein Fazit
Der Wolf ist nicht einfach das Problem, als das er oft dargestellt wird. Das eigentliche Problem liegt oft darin, wie wir über ihn sprechen, wie schnell wir vereinfachen und wie wenig Raum wir echten Fakten lassen.
Wer sich mit dem Thema befasst, merkt schnell: Die Lage ist ernst, komplex und emotional. Gerade deshalb brauchen wir weniger Schlagworte und mehr Klarheit. Weniger Feindbilder und mehr Verantwortung. Weniger Reflexe und mehr echtes Hinschauen.
Die Schweiz muss lernen, mit dem Wolf zu leben – nicht blind, nicht naiv, aber auch nicht in einer Sprache, die jedes wilde Leben nur noch nach Nützlichkeit bewertet.
Denn die Natur gehört nicht nur uns.