Smoffy Meinung

Pawternity Leave – Warum wir Zeit für unsere Fellnasen verdienen

Wenn ein neues Familienmitglied einzieht oder ein geliebter Schatz für immer geht, brauchen wir Zeit. Nicht morgen. Nicht irgendwann. Jetzt.

Pawternity Leave – noch nie gehört? Damit bist du nicht allein. Auch ich bin heute zum ersten Mal über diesen Begriff gestolpert. Aber je mehr ich darüber gelesen habe, desto klarer wurde mir: Das ist ein Thema, über das wir dringend reden müssen.

Was bedeutet Pawternity Leave? Der Begriff setzt sich zusammen aus «Paw» (englisch für Pfote) und «Paternity / Maternity» (Elternzeit). Gemeint ist bezahlte oder unbezahlte Freistellung für Arbeitnehmende, die sich um ein Haustier kümmern müssen – bei der Eingewöhnung eines neuen Tieres, bei Tierarztbesuchen, bei der Pflege eines kranken Tieres oder bei der Trauer nach einem Verlust. International auch als «Furternity Leave» bekannt (von «Fur» = Fell).

Es gibt Momente im Leben, die alles auf den Kopf stellen. Momente voller Freude – wie der Tag, an dem ein tapsiger Welpe zum ersten Mal unsicher durch die Wohnungstür stolpert. Und Momente voller Schmerz – wie der Tag, an dem wir unseren treuesten Begleiter zum letzten Mal in den Armen halten.

In beiden Fällen brauchen wir eines: Zeit.

Und genau das ist Pawternity Leave – ein Konzept, das langsam aber sicher die Arbeitswelt erreicht. Was vielleicht nach einem Nischen-Trend klingt, hat handfeste Gründe. Und immer mehr Unternehmen weltweit erkennen das.

Diese Unternehmen machen es vor

🏭

Mars Petcare

10 Stunden bezahlte Freistellung für neue Haustierbesitzer. Flexible Arbeitszeiten bei tierbezogenen Ereignissen.

🍺

BrewDog

Eine ganze Woche bezahlter Urlaub bei Adoption eines Hundes.

💻

mParticle

Zwei Wochen bezahlte Freistellung bei Adoption eines Tieres aus dem Tierheim.

🐾

Trupanion

Bezahlte Trauertage, wenn ein Haustier verstirbt.

🏨

Kimpton Hotels

Drei bezahlte Tage bei Verlust eines Haustieres.

91% der Mitarbeitenden in tierfreundlichen Firmen fühlen sich engagierter ¹
11% der Unternehmen bieten aktuell bezahlten Trauerurlaub bei Tierverlust ²
49% der Gen Z würden eher bei einem Arbeitgeber mit Tier-Benefits bleiben ¹

🗽 New York: ein wichtiger Vorstoss – vorerst gescheitert

Ende 2024 brachte Stadtrat Shaun Abreu (Manhattan) den Gesetzentwurf Int. 1089-2024 ein: Arbeitnehmende sollten ihre bestehenden bezahlten Kranktage auch für die Pflege kranker Haustiere nutzen dürfen – keine zusätzlichen Tage, nur mehr Flexibilität. Der Entwurf wurde ans Committee on Consumer and Worker Protection überwiesen, erhielt dort jedoch weder Anhörung noch Abstimmung und verfiel Ende 2025 mit Sessionsende. ³

Parallel dazu wurde auf Ebene des Bundesstaates New York der «Sick Leave for Pet Care Act» (A.791) eingebracht – auch er steckt bisher im Arbeitsausschuss fest. ⁴ Trotz des Scheiterns zeigen diese Vorstösse, dass das Thema auf der politischen Agenda angekommen ist. New York gilt als Trendsetter im US-Arbeitsrecht, und Experten erwarten, dass ähnliche Initiativen in anderen Städten folgen werden.

🇨🇭 Die Rechtslage in der Schweiz

Einen gesetzlichen Anspruch auf Pawternity Leave gibt es in der Schweiz nicht. Aber die rechtliche Grundlage ist stärker, als viele denken – sie wurde nur noch nie vor Gericht getestet.

Seit 2003 gelten Tiere gemäss Art. 641a ZGB nicht mehr als Sachen. Ihre Empfindungs- und Leidensfähigkeit wird ausdrücklich anerkannt. Das Tierschutzgesetz (Art. 4 TSchG) verbietet, einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen oder Leiden zuzufügen, und die Tierschutzverordnung (Art. 3 Abs. 3 TSchV) schreibt vor, dass ein krankes oder verletztes Tier sofort seinem Zustand entsprechend gepflegt werden muss.

Daraus ergibt sich eine gesetzliche Pflegepflicht – und genau hier wird es arbeitsrechtlich interessant: Art. 324a OR garantiert Lohnfortzahlung, wenn Arbeitnehmende «durch Erfüllung gesetzlicher Pflichten» an der Arbeit verhindert sind. Die Stiftung Tier im Recht (TIR) und renommierte Tierschutzrechtler wie Antoine F. Goetschel argumentieren, dass die Pflege eines akut kranken Tieres unter diese Bestimmung fallen kann – sofern die Pflege nicht delegierbar ist und es sich um einen echten Notfall handelt. ⁵

In der Praxis bleibt das Thema allerdings eine Grauzone. Kein Schweizer Gericht hat je darüber entschieden. Die meisten Arbeitgeber lösen solche Situationen pragmatisch über Homeoffice, Gleitzeitkompensation oder unbezahlte Freistellung.

Wie sich die gesellschaftliche Haltung verändert, zeigt ein Beispiel aus Bern: Der Stadtrat genehmigte 2021 einstimmig ein Postulat für gemeinsame Mensch-Tier-Bestattungen. Die Umsetzung – ein Grabfeld «Mensch mit Tier» auf dem Schosshaldenfriedhof – ist für 2026 geplant. ⁶

🇩🇪 🇦🇹 Und in Deutschland und Österreich?

In Deutschland stellt § 90a BGB seit 1990 klar, dass Tiere keine Sachen sind, und Art. 20a GG verankert Tierschutz als Staatsziel. Einen gesetzlichen Anspruch auf Freistellung bei Tierkrankheit oder -verlust gibt es dennoch nicht. Die Fachanwältin Barbara Reinhard (Deutscher Anwaltverein) erklärt: Es gibt keinen Sonderurlaubsanspruch – aber bei einer Interessenabwägung können Tierbelange die des Arbeitgebers überwiegen, wenn niemand anders die Pflege übernehmen kann. Etwaige Freistellung wäre typischerweise unbezahlt. ⁷

In Österreich gilt § 285a ABGB – die älteste «Tiere sind keine Sachen»-Norm im DACH-Raum (seit 1988). Doch es gibt weder Gesetzgebung noch formale Vorstösse zu Pet Leave. Als Einzelbeispiel bietet VMware Austria seinen Mitarbeitenden zwei bezahlte Tage bei Tierverlust – freiwillig, nicht gesetzlich vorgeschrieben. ⁸

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Warum es bei einem neuen Tier so wichtig ist

Wenn ein Welpe, ein Kitten oder ein anderes Tier zum ersten Mal in sein neues Zuhause kommt, ist alles fremd. Die Umgebung, die Gerüche, die Geräusche, die Menschen. Alles ist neu und potenziell beängstigend.

Gerade Hunde bauen ihre Bindung zum Menschen ähnlich auf wie menschliche Kleinkinder – das zeigt eine Studie von Solomon et al. (2019), publiziert im Fachjournal Attachment & Human Development. Die Forscher fanden, dass rund 61 % der untersuchten Hunde ein sicheres Bindungsmuster zeigten – vergleichbar mit dem Anteil bei Kleinkindern. ⁹ Die ersten Tage und Wochen sind entscheidend dafür, ob ein Tier Vertrauen aufbauen kann oder ob Unsicherheit und Angst die Basis bilden.

Der American Kennel Club empfiehlt mindestens fünf bis sieben Tage für die Eingewöhnung eines neuen Hundes. In dieser Zeit lernt das Tier seine neuen Routinen – und vor allem: dass es sicher ist.

Wer in dieser sensiblen Phase gezwungen ist, das Tier den ganzen Tag allein zu lassen, riskiert Verhaltensprobleme, die später nur schwer korrigierbar sind.

Und dann gibt es da noch einen Aspekt, der selten besprochen wird: Hundemamas, die gerade geworfen haben. In den ersten Wochen brauchen Mutter und Welpen intensive Betreuung. Die Milchversorgung muss stimmen, die Welpen müssen warm gehalten und beobachtet werden, und die Mutter braucht Ruhe und Unterstützung. Wer in dieser Phase nicht da sein kann, gefährdet im schlimmsten Fall das Überleben der Neugeborenen. Auch hier wäre Pawternity Leave nicht nur wünschenswert, sondern aus Tierschutzsicht dringend notwendig.

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Wenn die Trauer einschlägt – mit voller Wucht

Und dann ist da die andere Seite. Die Seite, über die zu wenig gesprochen wird. Die Seite, für die es in unserer Gesellschaft kaum Raum gibt.

Der Verlust.

Ich spreche hier nicht aus der Theorie. Ich weiss, wie es sich anfühlt, seinen Herzenshund zu verlieren. Ich war über einen Monat lang nicht arbeitsfähig. Ständige Weinanfälle die jeweils kaum noch aufhörten. Starke Magenschmerzen durch den psychischen Stress. Emotional war ich nur noch ein Häufchen Elend.

Ich hatte eine heftige Identitätskrise. Selbst wenn ich in den Spiegel blickte, erkannte ich mich selber nicht mehr wirklich. Ohne ihn war ich nicht mehr ganz. Der beste Teil von mir war nun einfach weg. Wer bin ich dann überhaupt noch? – Wenn ein Tier so tief in deinem Alltag, deinem Herzen und deiner Identität verankert ist, dann geht mit ihm nicht nur ein Begleiter, sondern ein Stück von dir selbst.

Und dann kommen die Kommentare. «Es war doch nur ein Tier.» «Hol dir doch einfach einen neuen.» Sätze, die wie Messerstiche sind. Von Menschen, die nie so eine Bindung erlebt haben. Die nicht verstehen, dass ein Tier nicht einfach ersetzbar ist. Dass es ein Individuum war, mit eigenem Charakter, eigener Geschichte und einem ganz besonderen Platz im Leben.

Und auch nach vielen Jahren lässt der Schmerz bei mir nicht wirklich nach. Wenn ich innehalte und zurückdenke, dann zerreisst es mich selbst heute noch innerlich vor Schmerz.

Was die Forschung sagt

🔬 Wissenschaftliche Erkenntnisse

Eine systematische Übersichtsarbeit von Cleary et al. (2022), die 19 qualitative Papers aus 17 Studien auswertete, kam zu dem Ergebnis, dass die Trauer nach dem Verlust eines Haustieres der Trauer nach dem Verlust eines Menschen gleichkommen kann – mit denselben emotionalen, kognitiven und körperlichen Reaktionen. ¹⁰
Forscher beschreiben Reaktionen, die von Taubheit und Ungläubigkeit bis hin zu klinischer Depression, Trauma und posttraumatischen Belastungsstörungen reichen. Betroffene berichten von Konzentrationsproblemen, Vermeidungsverhalten und dem Gefühl, ihre Identität verloren zu haben. Eine Studie des Massachusetts General Hospital (Crawford et al., 2021) zeigte, dass psychische Auswirkungen bei Kindern nach Tierverlust über drei Jahre und länger anhalten können. ¹¹
Das Konzept der «Disenfranchised Grief» – zu Deutsch: entmündigte oder nicht anerkannte Trauer – beschreibt genau das Problem: Die Gesellschaft stuft den Verlust eines Tieres als weniger bedeutsam ein, was die Trauernden zusätzlich belastet. Cordaro (2012) zeigte, dass fehlende soziale Anerkennung die Trauer nicht nur verlängert, sondern verschärft. ¹²
Laut einer Pew-Research-Studie (2023, n = 5'073) betrachten 51 % aller US-Haustierbesitzer ihr Tier als gleichwertiges Familienmitglied – auf dem gleichen Level wie ein menschliches Familienmitglied. ¹³ In einer britischen RSPCA-Umfrage (2025, n = 2'800+) gaben 93 % der Befragten an, «heartbroken» gewesen zu sein nach dem Tod ihres Tieres, und 67 % waren von der Intensität ihrer eigenen Trauer überrascht. ¹⁴
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Warum Pawternity Leave Sinn macht – für alle

Wenn Mitarbeitende trauern und trotzdem zur Arbeit erscheinen müssen, sind sie zwar physisch anwesend, aber liefern keinen Mehrwert. Studien zeigen, dass erzwungenes Funktionieren nach einem Verlust zu verstecktem Burnout, Konzentrationsmangel und vermehrten Fehlern führt. Wer seinen Seelenhund verliert und am nächsten Tag funktionieren soll, ist nicht arbeitsfähig – egal wie professionell man sich gibt.

Ein kurzer Trauerurlaub – auch nur zwei bis drei Tage – kann einen enormen Unterschied machen. Mitarbeitende können den ersten Schock verarbeiten und kommen danach fokussierter zurück. Die Anerkennung ihrer Trauer schafft psychologische Sicherheit und Vertrauen. Und Unternehmen, die solche Benefits anbieten, verbessern ihr Employer Branding erheblich – insbesondere bei der Generation Z und Millennials, für die Work-Life-Balance und tierfreundliche Arbeitgeber wichtige Kriterien bei der Jobwahl sind.

Pawternity Leave ist kein Marketing-Gag – sondern ein Ausdruck echter Fürsorgepolitik.

Mein persönliches Fazit

Tiere sind keine Sachen. Sie sind keine Accessoires. Sie sind Lebewesen mit Gefühlen, Bedürfnissen und einer Persönlichkeit, die unser Leben bereichert wie kaum etwas anderes.

Wenn ein neues Fellmitglied einzieht, verdient es eine faire Chance – die Chance, sich mit Hilfe seines neuen Menschen an alles zu gewöhnen, statt vom ersten Tag an allein gelassen zu werden. Und wenn ein geliebtes Tier geht, dann verdienen wir Zeit zu trauern. Echte Zeit.

Pawternity Leave ist kein Luxus. Es ist ein Zeichen von Empathie, Respekt und der Anerkennung, dass die Bindung zwischen Mensch und Tier etwas zutiefst Wertvolles ist.

Ich bin klar eine Befürworterin. Und ich hoffe, dass immer mehr Unternehmen – auch in der Schweiz – den Mut haben, diesen Schritt zu gehen.

Denn unsere Tiere geben uns bedingungslose Liebe. Das Mindeste, was wir ihnen schulden, ist Zeit.

– Melanie von Smoffy 💜

Was denkst du über Pawternity Leave? Würdest du dir mehr Verständnis von deinem Arbeitgeber wünschen? Schreib mir in den Kommentaren– ich bin gespannt auf deine Meinung. 💜

Quellen

  1. Nationwide / HABRI: Pet-Friendly Workplace Effectiveness Study (2018). Durchgeführt von LRW, n = 2'002 US-Vollzeitangestellte. Branchenumfrage (Nationwide verkauft Tierversicherungen).
  2. AbsenceSoft: Understanding Pet Bereavement Leave and Its Importance to Today's Workforce (Branchenerhebung, o. J.).
  3. New York City Council: Int. 1089-2024, Sponsor Shaun Abreu. Status: «Filed (End of Session)» per 31.12.2025.
  4. New York State Assembly: Bill A.791 («Sick Leave for Pet Care Act»), Sponsor Manny De Los Santos. Status: Im Arbeitsausschuss, keine Bewegung.
  5. Stiftung Tier im Recht (TIR), Stefanie Frei, zit. in 20 Minuten (2017); Goetschel, A. F. / Bolliger, G.: Das Tier im Recht – 99 Facetten der Mensch-Tier-Beziehungen, Zürich 2003. Vgl. auch NZZ: Rechte und Pflichten (2007).
  6. Stadt Bern, Medienmitteilung: Gemeinderat verabschiedet Totalrevision der Friedhofgesetzgebung (2024). Postulat Peter Ammann (GLP), genehmigt 25.03.2021.
  7. Reinhard, B. (Fachanwältin für Arbeitsrecht), zit. in Münchner Merkur / herz-fuer-tiere.de (2024).
  8. VMware Austria: Bereavement Leave Benefit Plans. Hr-zellner.at (2025): Pawternity Leave: warum tierfreundliche Benefits mehr als ein Trend sind.
  9. Solomon, J. et al. (2019): Attachment security in companion dogs. Attachment & Human Development, 21(4), 389–417. DOI: 10.1080/14616734.2018.1517812.
  10. Cleary, M. et al. (2022): Grieving the loss of a pet: A qualitative systematic review. Death Studies, 46(9), 2167–2178. DOI: 10.1080/07481187.2021.1901799.
  11. Crawford, K. M. et al. (2021): The mental health effects of pet death during childhood. European Child & Adolescent Psychiatry, 30(10), 1547–1558. DOI: 10.1007/s00787-020-01594-5.
  12. Cordaro, M. (2012): Pet loss and disenfranchised grief. Journal of Mental Health Counseling, 34(4), 283–294. DOI: 10.17744/mehc.34.4.41q0248450t98072.
  13. Brown, A. (2023): About half of U.S. pet owners say their pets are as much a part of their family as a human member. Pew Research Center, 7. Juli 2023, n = 5'073.
  14. RSPCA: Pet Loss Survey Results (2025), n = 2'800+.
  15. Klein, J. (DVM, Chief Veterinary Officer AKC), zit. in: American Kennel Club: The Benefits of Taking Pawternity/Furternity Leave (2021).
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