Ein Listenhund aus dem Tierschutz

Ein Listenhund aus dem Tierschutz

Was passiert, wenn man nicht aufgibt

Warum Angstverhalten nichts mit Ungehorsam zu tun hat – und warum Zeit der wichtigste Faktor ist.

Der Anfang – eine bewusste Entscheidung

Nach dem Umzug in den Kanton Luzern und dem schmerzhaften Verlust meines geliebten Begleiters Toffy (den ich über die Stiftung Arme Pfoten adoptiert hatte), war für mich völlig klar: Ich möchte wieder einem Hund ein Zuhause geben. Aber nicht irgendeinem Welpen vom Züchter. Sondern einem Hund, der es wirklich braucht. Einem, der vielleicht sonst keine Chance hätte.

Durch Bekannte wurde ich auf Mary aufmerksam. Sie lebte damals auf einer Pflegestelle und wurde von der Bullstaff Hilfe betreut. Schon beim ersten Kennenlernen wurde mir bewusst: Mary ist keine einfache Hündin. Sie war etwa vier Jahre alt und kam als extreme Angsthündin zu mir. Sie trug ein riesiges Paket an Baustellen mit sich und eine dunkle Vergangenheit, die man ihr in jeder Bewegung und jedem vorsichtigen Blick ansah. Und trotzdem war meine Entscheidung sofort gefallen: Gerade solche Hunde sind es wert, dass man um sie kämpft.

Die Realität – wenn es richtig schwer wird

Ich möchte an dieser Stelle nichts beschönigen oder romantisieren. Der Anfang war extrem hart. Es gab viele Tage, da kam ich nach den Spaziergängen völlig erschöpft nach Hause, schloss die Tür hinter mir ab – und sass einfach weinend in der Wohnung.

Ich war voller Zweifel. Ich fragte mich unzählige Male, ob ich diese immense Aufgabe wirklich schaffen würde und ob ich Mary überhaupt gerecht werden kann. Als wäre das nicht genug, zogen wir kurz darauf zurück in den Kanton Aargau. In vielen Kantonen, wie zum Beispiel im Kanton Aargau, gelten für sogenannte Listenhunde strengere Auflagen und Prüfungen für die Haltung. Plötzlich stand auch noch der enorme Druck der praktischen Listenhundeprüfung im Raum – mit einem Hund, der draussen völlig panisch war.

Wenn Angst den Körper übernimmt

Mary stand unter einem massiven, chronischen Dauerstress. Und das zeigte sich nicht nur in ihrem Verhalten, sondern entlud sich mit voller Wucht körperlich.

Stubenreinheit – oft komplett missverstanden

In den ersten Monaten machte Mary regelmässig in die Wohnung. Urin und Kot. Viele Menschen denken dann sofort an Protest oder mangelnde Erziehung. Doch das ist falsch. Mary machte nicht in die Wohnung, weil sie nicht stubenrein war, sondern weil sie draussen schlichtweg nicht loslassen konnte. Unsichere Angsthunde vermeiden es oft aus einem tiefen Urinstinkt heraus, draussen Spuren zu hinterlassen. Die Wohnung war für sie der einzige Ort auf der Welt, an dem sie sich sicher genug fühlte, um sich zu lösen.

Darm und Psyche

Stress beeinflusst den Körper massiv – besonders den Magen-Darm-Trakt. Mary hatte über eine sehr lange Zeit starken, wässrigen Durchfall, obwohl sie exakt dasselbe Futter bekam wie zuvor. Ich unterstützte sie in dieser schweren Phase unter anderem mit Bioflorin, um ihre Darmflora aufzubauen, bis ihr hochgefahrenes Nervensystem endlich langsam zur Ruhe kam.

Reizüberflutung: Wenn die Welt zu viel wird

In der Wohnung konnte Mary irgendwann relativ gut entspannen. Aber sobald wir vor die Tür traten, war sie komplett überfordert. Ihr Nervensystem war derart sensibel, dass es auf die kleinsten Reize reagierte, als wären sie eine absolut lebensbedrohliche Gefahr.

Ein einziges Insekt, das vor ihr durch das Gras krabbelte, reichte aus, um sie völlig aus der Bahn zu werfen. Autos waren ein massives Problem: Sie wollte blitzartig losspringen, oft erst im allerletzten Moment. Man musste auf Spaziergängen jede Millisekunde hochkonzentriert sein. Motorräder lösten heftige Panik aus, und auch vor Kindern hatte sie enorme Angst – einmal knurrte sie aus reiner Überforderung und Unsicherheit.

„Er will nicht“ vs. „Er kann nicht“

Draussen war Mary für mich kaum ansprechbar. Leckerli interessierten sie überhaupt nicht, obwohl sie eigentlich gerne ass. Meine Stimme kam nicht zu ihr durch. Eine einzige Sekunde an lockerer Leine war zu Beginn eine absolute Sensation. Training im klassischen Sinne war praktisch unmöglich.

Viele Hundehalter interpretieren so ein Verhalten völlig falsch und sagen: „Der Hund ist stur, der will einfach nicht.“ In Wahrheit ist es oft: Der Hund kann in diesem Moment nicht.

Warum nimmt mein Hund keine Leckerlis?

Aus biologischer Sicht wissen wir heute, dass bei starkem Stress das Überlebenssystem im Gehirn aktiviert wird. Der Fokus liegt nicht mehr auf Futter, Kooperation oder Spiel, sondern rein auf der Sicherung des eigenen Überlebens.

In diesem hochgradig alarmierten Zustand werden das Lernen, die Konzentration und die Verarbeitung von Belohnungen im Gehirn schlichtweg abgeschaltet. Ein Hund entscheidet sich in so einer Situation nicht bewusst gegen dich – sein System ist biologisch blockiert.

Verhalten ist keine Entscheidung gegen den Menschen.
Es ist immer eine Reaktion auf das, was der Hund erlebt.

Flashbacks und die grausame Wahrheit

Mary hatte immer wieder Momente, die sich wie flashbackartige Zustände anfühlten. Oft passierte dies unmittelbar nach dem Schlafen. In diesen Sekunden wirkte sie, als wäre sie plötzlich in einer alten Bedrohung gefangen. Sie war dann kaum ansprechbar und hätte sich im Zweifel verteidigt.

Sie zeigte erschütternde Fehlverknüpfungen: Ein Gegenstand in der Hand wie ein Kochlöffel löste Panik aus. Einmal warf sie versehentlich mit ihrer Leine einen leeren Container um. Danach war sie über zwei Stunden lang völlig verängstigt, lief geduckt und fast kriechend über den Boden. Ein anderes Mal stiess sie sich ganz leicht am Handstück der Flexileine und reagierte sofort panisch, als hätte ich sie geschlagen.

Jahre später kam die bittere und traurige Erkenntnis durch ein Röntgenbild beim Tierarzt: Mary trug zwei Projektile in ihrem Körper. Man hatte auf sie geschossen. In diesem Moment ergab ihr gesamtes Verhalten plötzlich einen grausamen Sinn.

Lernen ist individuell: Warum Standard-Training versagte

Vor Mary kannte ich es so, dass man Hunde im Training oft stark animiert – mit hoher Stimme loben, Action machen, extrem motivieren. Bei einer ohnehin schon reizüberfluteten Hündin wie ihr war das jedoch pures Gift. Ein Hund, dessen Nervensystem permanent auf Hochtouren läuft, wird durch zusätzliche „positive Aufregung“ nur noch mehr überfordert. Positiver Stress schüttet im Körper ebenfalls stark Hormone aus und vernebelt die Sinne genauso wie Angst.

Ich musste lernen, extrem ruhig zu arbeiten, absolute Klarheit auszustrahlen und meine eigenen Emotionen im Training komplett zurückzunehmen. Mary brauchte mich nicht als lauten Animateur, sondern als stabilen Fels in der Brandung.

Der Durchbruch und das Akzeptieren von Grenzen

Unser Weg war unglaublich lang und kräftezehrend. Aber Aufgeben war niemals eine Option. Mit endloser Zeit, Geduld und Vertrauen wurde aus Mary eine völlig andere Hündin. Sie lernte, entspannt an der Leine zu gehen und wurde souverän im Alltag. Wir haben uns durchgekämpft und schliesslich auch die praktische Listenhundeprüfung im Aargau erfolgreich bestanden!

Doch eine Grenze blieb: Der Freilauf war für Mary nicht möglich. Ohne die Sicherheit und Verbindung der Leine war sie mental einfach „weg“ und reiste völlig losgelöst durch ihre eigene Welt. Und das ist völlig in Ordnung. Wir haben diese Grenze akzeptiert und die Schleppleine als Brücke genutzt.

Verantwortung ist wichtiger als Perfektion.
Freilauf war nie möglich – und das ist völlig in Ordnung.

Mein wichtigster Appell

Ein Hund braucht Zeit. Ein Tierschutzhund oft viele Monate. Vertrauen lässt sich nicht erzwingen und eine Seele mit schwerer Vergangenheit heilt nicht auf Knopfdruck. Ein neues Zuhause ist für sie anfangs oft keine Erleichterung, sondern eine völlige Neuorientierung für ihr ohnehin schon überlastetes Nervensystem. Gebt diesen Hunden den Raum und die Geduld, die sie brauchen, um ihre tiefen Ängste loszulassen und wirklich im Leben anzukommen.

Ein riesiges Danke an die Bullstaff Hilfe und die Stiftung Arme Pfoten für ihre unermüdliche, wichtige Arbeit.

Smoffy – Verständnis statt Verurteilung

Für mich ist Mary zu einem perfekten Hund geworden.
Nicht, weil sie keine Baustellen mehr hatte.
Sondern weil wir gelernt haben, miteinander zu wachsen –
und zu einem echten Team geworden sind.

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